Komplikationen der Kommunikation

Studio medico

Monolog statt Dialog, Fachchinesisch statt klare Worte: zuweilen ist es eine schwierige Sache, das sogenannte Patientengespräch im sogenannten Sprechzimmer.

Joachim Henggeler
Dr. med., Verwaltungsratspräsident der Ärztekasse


Auf der Terrasse an der Tessiner Sonne debattieren wir mit Freunden über Gott und die Welt. Dabei kommt bald ein Thema zur Sprache, das ebenso alt ist wie aktuell: die Kommunikation zwischen Arzt und Patient.

Senden und Empfangen

In dieser Diskussion zeigt es sich wieder einmal, dass wir als gewissermassen ärztliche Sender oft nicht die richtige Wellenlänge haben oder finden, um vom Empfänger, dem Patienten, auch wirklich verstanden zu werden. Und dass wir dies oft nicht einmal bemerken. Vor allem wenn es darum geht, einem Menschen zu erklären, dass er schwerwiegend erkrankt ist, kann es geschehen, dass er diese Mitteilung gar nicht vollständig und eindeutig zu empfangen und zu verstehen vermag. Denn vielleicht beginnt er schon nach den ersten Worten sich darüber Gedanken zu machen, was das Angesprochene für Folgen haben könnte – für ihn, die Familie und für seine Zukunft. Das kann ihn dann so belasten und blockieren, dass er gar nicht mehr in der Lage ist, zuzuhören und aufzunehmen oder genauer nachzufragen.

Antworten finden

Eine andere Aufgabe, bei der besonders die Hausärzte gefragt und gefordert (und zuweilen überfordert) sind, besteht in der Ausdeutschung und Erläuterung von spezialärztlichen Berichten, die den Patienten mit ihrem Fachchinesisch oft zusätzlich verunsichern. Dabei geht es immer wieder um den schwierigen Versuch, auf die vielen angestauten Fragen nicht nur medizinische, sondern auch menschliche Antworten zu finden. Was besonders dann wichtig ist, wenn der Patient von Ängsten geplagt wird – wobei es nicht unbedingt der Tod sein muss, der besorgt macht, sondern eher das Leiden. Doch darüber wird oft gar nicht gesprochen, obwohl gerade in solchen Situationen eine Begleitung wichtig wäre – ohne viel Worte, jedoch mit wacher, subtiler Präsenz, die meistens hilfreicher ist als eine ganze Palette von Medikamenten!

Verständnis entwickeln

Als Arzt muss ich mich aber auch darauf einstellen, was mein Patient weiss und was er nicht weiss. Und auf die daraus folgende Frage, was er wirklich wissen will und was er lieber verschweigen und verdrängen möchte. Bin ich für all dies offen genug? Bin ich dafür gesprächsbereit? Oder habe ich ohnehin zu wenig Zeit und bin deshalb dankbar, wenn man mich in Ruhe lässt? Mein Informationsvorsprung ist ja hoffentlich gross, doch kann ich daraus das Wesentliche auf eine Weise in Worte fassen, dass auch ein Mensch, der verängstigt ist, etwas damit anfangen kann? Lasse ich Spielraum für einen Dialog, oder höre ich nur mich selber reden? Bin ich bereit, auch für Laienwissen, das aus dem Fernsehen oder dem Internet stammt, Verständnis zu entwickeln und ernsthaft darauf einzugehen? Oder blocke ich solches lieber ab – aus falschem Stolz, aus Unsicherheit?

Zuhören

Fragen über Fragen, für die unsere Tessiner Runde zwar keine generellen Antworten gefunden hat, aber immerhin einige Übereinstimmungen. So waren wir uns zum Beispiel darin einig, dass Ärzte zwar nicht aus ihrer Haut schlüpfen können, dass wir uns aber darum bemühen müssen, uns besser und vielleicht auch geduldiger in unsere Patientinnen und Patienten einzufühlen. Was allerdings ein umsichtiges Interesse nicht nur für die Medizin, sondern für den Menschen voraussetzt sowie eine Sprache, die ohne Fachjargon auskommt – und dafür beim Empfänger umso besser ankommt. Was vor allem aber auch bedingt, dass wir uns mehr Zeit nehmen – Zeit nicht zuletzt zum Zuhören.



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