«Unser grösstes Problem ist die Verschwendung ...»
Blick über die Grenze
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Wie gesund ist das französische Gesundheitswesen? In Fortsetzung der Reihe über die Situation der Ärzte in unseren Nachbarländern hat «checkup» ein Gespräch mit Dr. med. Louis Schittly geführt, dem ärztlichen Leiter des Centre de Convalescence Saint-Jean-de-Dieu im elsässischen Sentheim.
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«checkup»: Bei einer vergleichenden Erhebung, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im vergangenen Jahr in 191 Ländern durchgeführt wurde, hat das französische Gesundheitssystem – vor dem italienischen – am besten abgeschnitten. Überrascht Sie das, Herr Dr. Schittly?
Dr. Schittly: Das ist schon etwas überraschend. Andererseits ist bekannt, dass der Gesundheitszustand der französischen Bevölkerung im Vergleich zu anderen Industrieländern relativ gut und die Lebenserwarung überdurchschnittlich hoch ist. Im Weiteren hat die positive Einschätzung unseres Gesundheitssystems sicher auch mit der Konzeption und Qualität der Sécurité sociale zu tun, wie sich unsere staatliche Kranken- und Sozialversicherung nennt, die grundsätzlich allen offensteht, die eine medizinische Betreuung benötigen.
«checkup»: Zumindest denen, die Versicherungsbeiträge entrichten?
Dr. Schittly: Nein, tatsächlich hat heute jeder einen Anspruch auf die finanziellen Leistungen der Sécurité sociale, also zum Beispiel auch ein Clochard, der dafür noch nie einen Centime bezahlt hat.
«checkup»: Vorausgesetzt, dass er Franzose ist?
Dr. Schittly: Nein, auch da gibt es keinerlei Einschränkungen. Die Sécurité sociale ist wirklich für alle da, die sich in unserem Land aufhalten, ob Franzosen, Ghanesen oder Kirgisen, inklusive der so genannten Sans papiers, die weder über einen Pass noch über eine Aufenthaltsgenehmigung verfügen.
«checkup»: Seit wann gibt es die Sécurité sociale?
Dr. Schittly: Hier, im ehemaligen Elsass-Lothrigen, ist eine ähnliche Sozialversicherung bereits von Bismarck eingeführt worden. Die Sécurité sociale, so wie sie heute existiert, ist jedoch eine Errungeschaft aus der Nachkriegszeit, als de Gaulle gemeinsam mit den Kommunisten die Regierung bildete. Ihr Grundgedanke besteht darin, dass sie für alle – ob arm oder reich – die gleichen Leistungen garantiert und dass die Prämien vom Einkommen abhänging sind. Wer wenig verdient, zahlt auch nur wenig, wer viel verdient, entsprechend mehr. Dabei beträgt der Anteil der Arbeitnehmer 45 Prozent, jener der Arbeitgeber 55 Prozent der Prämien.
«checkup»: Und wie viel Prozent der medizinischen Kosten übernimmt die Sécurité sociale?
Dr. Schittly: Im Elsass zahlt sie 90 Prozent, im übrigen Frankreich 80 Prozent aller Aufwendungen – inklusive Spital-, Labor und Transportkosten –, wobei die Prämien im Elsass etwas höher sind. Bei allen langwierigen und chronischen Krankheiten besteht Anspruch auf eine hundertprozentige Kostendeckung.
«checkup»: Im Normalfall hat man aber 10 bzw. 20 Prozent selber zu bezahlen?
Dr. Schittly: Ja. Allerdings ist dieser Anteil bei der überwiegenden Mehrheit durch private Versicherungen abgedeckt.
«checkup»: Welches sind die Voraussetzungen, um in Frankreich eine ärztliche Praxis eröffnen zu können?
Dr. Schittly: Voraussetzung ist ein medizinisches Diplom, das von der EU anerkannt wird, sowie die Mitgliedschaft beim l’Ordre nationale de Médecine, dem ärztlichen Berufsverband. Der Conseil, der Vorstand des Verbandes muss dann für die Praxiseröffnung eine Genehmigung erteilen, was im Normalfall aber nur eine Formsache ist.
«checkup»: Und die Sécurité sociale?
Dr. Schittly: Die hat auf die Neuzulassungen keinen Einfluss.
«checkup»: Haben diese fehlenden Zulassungsbeschränkungen nicht dazu geführt, dass es heute zu viele Arztpraxen gibt?
Dr. Schittly: Das kommt darauf an, wie man es anschaut. Als ich vor bald dreissig Jahren mit meiner ärztlichen Arbeit begann, hiess es, dass man zur Eröffnung einer Praxis 2000 Patienten benötigen würde. Heute genügen den französischen Ärzten im Durchschnitt 400 Patienten, um ein noch immer reichlich komfortables Auskommen zu finden – in Paris beträgt die durchschnittliche Patientenzahl sogar lediglich rund 200. Natürlich führt das zu einem Konkurrenzkampf, durch den die Kosten stetig gesteigert werden.
«checkup»: Und da gibt es keine Gegenmassnahmen?
Dr. Schittly: Zwar wird über Gegenmassnahmen schon lange debattiert, getan hat sich bisher aber kaum etwas, um das Kostenbewustsein zu verbessern und den medizinischen Aufwand nicht nur quantitativ zu erfassen, sondern auch im Hinblick auf seine Qualität, seine Wirksamkeit.
«checkup»: Wie steht’s mit dem Numerus clausus?
Dr. Schittly: Der wurde nach der Studentenrevolte von 1968 abgeschafft, später dann aber erneut eingeführt. Jetzt macht man allerdings wieder daran herum, die Zulassungsbedingungen zum Medizinstudium zu lockern, da für die kommenden zehn Jahre ein Ärztemangel prognostiziert wird.
«checkup»: Worin sehen Sie das Hauptproblem des französischen Gesundheitswesens?
Dr. Schittly: Unser Hauptproblem ist die Verschwendung. Heute werden viel zu viele unnötige Untersuchungen und Behandlungen durchgeführt. Die Schwierigkeit des frei praktizierenden Arztes besteht dabei darin, dass er seine Patienten verlieren wird, wenn er sich weigert, eine von ihnen geforderte unnötige Massnahme durchzuführen. Die gehen dann einfach zum nächsten Arzt – wobei diese Entwicklung natürlich nicht nur eine französische Krankheit ist.
«checkup»: Wer müsste und könnte etwas gegen diese Entwicklung tun?
Dr. Schittly: Natürlich wäre es die Aufgabe von uns Ärzten, etwas gegen diese unsinnige Verschwendung zu unternehmen. Doch da wir dazu wohl nicht fähig sind, wird die Krankenversicherung entsprechende Massnahmen einleiten müssen oder der Staat.
«checkup»: Wie ist denn Ihre persönliche Arbeitssituation?
Dr. Schittly: Da ich hier als Lohnempfänger arbeite und keine Umsatzbeteiligung habe, bin ich keinen Zwängen ausgeliefert, etwas nur um des Geldes willen und gegen meine Überzeugung zu tun. Im Übrigen fasse ich meine Tätigkeit ohnehin nicht als Geschäft auf, das heisst, ich will mich nicht mit Klienten befassen, sondern ausschliesslich mit Patienten. Aus diesem Grund habe ich auch nie auf privater Basis praktizieren wollen.
«checkup»: Wo haben Sie denn früher gearbeitet?
Dr. Schittly: In Vietnam und in Afghanistan, vor allem aber in afrikanischen Ländern. Zum Beispiel in Nigeria, während des Biafra-Krieges, wo auch die Idee zur Gründung der Organisation «Médecins sans Frontières» entstanden ist.
«checkup»: Sie sind ein Gründer von «Médecins sans Frontières»?
Dr. Schittly: Ein Mitbegründer.
«checkup»: Was immerhin heisst, dass wir uns hier mit einem Nobelpreisträger unterhalten?
Dr. Schittly: Ja, gewissermassen. Wobei der Preis natürlich nicht für Personen bestimmt war, sondern für die Institution.
«checkup»: Was war denn der Ausgangspunkt zur Gründung von «Médecins sans Frontières»?
Dr. Schittly: Der Ausgangspunkt war, dass während des nigerianischen Bürgerkrieges immer wieder Waffen für die Sezessionisten von Biafra eingeflogen wurden – durch Flugzeuge des angeblich neutralen Roten Kreuzes.
«checkup»: Was haben Sie gemacht, als Sie aus dem Ausland zurückgekommen sind?
Dr. Schittly: Ziemlich Verschiedenes. Zum Beispiel Augenheilkunde studiert, einen Roman geschrieben, einen Film gedreht und geheiratet.
«checkup»: Und heute?
Dr. Schittly: Heute bin ich ärztlicher Leiter dieses Centre de Convalescence ...
«checkup»:... das auch Clochards offen steht?
Dr. Schittly: Aber selbstverständlich! Daneben befasse ich mich, einen halben Tag jede Woche, in einem benachbarten Spital mit der Behandlung und Prävention von Aids. Und zweimal im Jahr fahre ich in den Südsudan, zur Betreuung einer Klinik, an deren Aufbau ich damals beteiligt war. Und schliesslich leiste ich mir noch einen kleinen Bauernhof, mit Schweinen, Kaninchen und viel Geflügel ...
«checkup»:... und einem Knecht, der den Stall mistet?
Dr. Schittly: Ich bin und bleibe mein eigener Knecht – sozusagen aus Prinzip.
Dr. Schittly: Das ist schon etwas überraschend. Andererseits ist bekannt, dass der Gesundheitszustand der französischen Bevölkerung im Vergleich zu anderen Industrieländern relativ gut und die Lebenserwarung überdurchschnittlich hoch ist. Im Weiteren hat die positive Einschätzung unseres Gesundheitssystems sicher auch mit der Konzeption und Qualität der Sécurité sociale zu tun, wie sich unsere staatliche Kranken- und Sozialversicherung nennt, die grundsätzlich allen offensteht, die eine medizinische Betreuung benötigen.
«checkup»: Zumindest denen, die Versicherungsbeiträge entrichten?
Dr. Schittly: Nein, tatsächlich hat heute jeder einen Anspruch auf die finanziellen Leistungen der Sécurité sociale, also zum Beispiel auch ein Clochard, der dafür noch nie einen Centime bezahlt hat.
«checkup»: Vorausgesetzt, dass er Franzose ist?
Dr. Schittly: Nein, auch da gibt es keinerlei Einschränkungen. Die Sécurité sociale ist wirklich für alle da, die sich in unserem Land aufhalten, ob Franzosen, Ghanesen oder Kirgisen, inklusive der so genannten Sans papiers, die weder über einen Pass noch über eine Aufenthaltsgenehmigung verfügen.
«checkup»: Seit wann gibt es die Sécurité sociale?
Dr. Schittly: Hier, im ehemaligen Elsass-Lothrigen, ist eine ähnliche Sozialversicherung bereits von Bismarck eingeführt worden. Die Sécurité sociale, so wie sie heute existiert, ist jedoch eine Errungeschaft aus der Nachkriegszeit, als de Gaulle gemeinsam mit den Kommunisten die Regierung bildete. Ihr Grundgedanke besteht darin, dass sie für alle – ob arm oder reich – die gleichen Leistungen garantiert und dass die Prämien vom Einkommen abhänging sind. Wer wenig verdient, zahlt auch nur wenig, wer viel verdient, entsprechend mehr. Dabei beträgt der Anteil der Arbeitnehmer 45 Prozent, jener der Arbeitgeber 55 Prozent der Prämien.
«checkup»: Und wie viel Prozent der medizinischen Kosten übernimmt die Sécurité sociale?
Dr. Schittly: Im Elsass zahlt sie 90 Prozent, im übrigen Frankreich 80 Prozent aller Aufwendungen – inklusive Spital-, Labor und Transportkosten –, wobei die Prämien im Elsass etwas höher sind. Bei allen langwierigen und chronischen Krankheiten besteht Anspruch auf eine hundertprozentige Kostendeckung.
«checkup»: Im Normalfall hat man aber 10 bzw. 20 Prozent selber zu bezahlen?
Dr. Schittly: Ja. Allerdings ist dieser Anteil bei der überwiegenden Mehrheit durch private Versicherungen abgedeckt.
«checkup»: Welches sind die Voraussetzungen, um in Frankreich eine ärztliche Praxis eröffnen zu können?
Dr. Schittly: Voraussetzung ist ein medizinisches Diplom, das von der EU anerkannt wird, sowie die Mitgliedschaft beim l’Ordre nationale de Médecine, dem ärztlichen Berufsverband. Der Conseil, der Vorstand des Verbandes muss dann für die Praxiseröffnung eine Genehmigung erteilen, was im Normalfall aber nur eine Formsache ist.
«checkup»: Und die Sécurité sociale?
Dr. Schittly: Die hat auf die Neuzulassungen keinen Einfluss.
«checkup»: Haben diese fehlenden Zulassungsbeschränkungen nicht dazu geführt, dass es heute zu viele Arztpraxen gibt?
Dr. Schittly: Das kommt darauf an, wie man es anschaut. Als ich vor bald dreissig Jahren mit meiner ärztlichen Arbeit begann, hiess es, dass man zur Eröffnung einer Praxis 2000 Patienten benötigen würde. Heute genügen den französischen Ärzten im Durchschnitt 400 Patienten, um ein noch immer reichlich komfortables Auskommen zu finden – in Paris beträgt die durchschnittliche Patientenzahl sogar lediglich rund 200. Natürlich führt das zu einem Konkurrenzkampf, durch den die Kosten stetig gesteigert werden.
«checkup»: Und da gibt es keine Gegenmassnahmen?
Dr. Schittly: Zwar wird über Gegenmassnahmen schon lange debattiert, getan hat sich bisher aber kaum etwas, um das Kostenbewustsein zu verbessern und den medizinischen Aufwand nicht nur quantitativ zu erfassen, sondern auch im Hinblick auf seine Qualität, seine Wirksamkeit.
«checkup»: Wie steht’s mit dem Numerus clausus?
Dr. Schittly: Der wurde nach der Studentenrevolte von 1968 abgeschafft, später dann aber erneut eingeführt. Jetzt macht man allerdings wieder daran herum, die Zulassungsbedingungen zum Medizinstudium zu lockern, da für die kommenden zehn Jahre ein Ärztemangel prognostiziert wird.
«checkup»: Worin sehen Sie das Hauptproblem des französischen Gesundheitswesens?
Dr. Schittly: Unser Hauptproblem ist die Verschwendung. Heute werden viel zu viele unnötige Untersuchungen und Behandlungen durchgeführt. Die Schwierigkeit des frei praktizierenden Arztes besteht dabei darin, dass er seine Patienten verlieren wird, wenn er sich weigert, eine von ihnen geforderte unnötige Massnahme durchzuführen. Die gehen dann einfach zum nächsten Arzt – wobei diese Entwicklung natürlich nicht nur eine französische Krankheit ist.
«checkup»: Wer müsste und könnte etwas gegen diese Entwicklung tun?
Dr. Schittly: Natürlich wäre es die Aufgabe von uns Ärzten, etwas gegen diese unsinnige Verschwendung zu unternehmen. Doch da wir dazu wohl nicht fähig sind, wird die Krankenversicherung entsprechende Massnahmen einleiten müssen oder der Staat.
«checkup»: Wie ist denn Ihre persönliche Arbeitssituation?
Dr. Schittly: Da ich hier als Lohnempfänger arbeite und keine Umsatzbeteiligung habe, bin ich keinen Zwängen ausgeliefert, etwas nur um des Geldes willen und gegen meine Überzeugung zu tun. Im Übrigen fasse ich meine Tätigkeit ohnehin nicht als Geschäft auf, das heisst, ich will mich nicht mit Klienten befassen, sondern ausschliesslich mit Patienten. Aus diesem Grund habe ich auch nie auf privater Basis praktizieren wollen.
«checkup»: Wo haben Sie denn früher gearbeitet?
Dr. Schittly: In Vietnam und in Afghanistan, vor allem aber in afrikanischen Ländern. Zum Beispiel in Nigeria, während des Biafra-Krieges, wo auch die Idee zur Gründung der Organisation «Médecins sans Frontières» entstanden ist.
«checkup»: Sie sind ein Gründer von «Médecins sans Frontières»?
Dr. Schittly: Ein Mitbegründer.
«checkup»: Was immerhin heisst, dass wir uns hier mit einem Nobelpreisträger unterhalten?
Dr. Schittly: Ja, gewissermassen. Wobei der Preis natürlich nicht für Personen bestimmt war, sondern für die Institution.
«checkup»: Was war denn der Ausgangspunkt zur Gründung von «Médecins sans Frontières»?
Dr. Schittly: Der Ausgangspunkt war, dass während des nigerianischen Bürgerkrieges immer wieder Waffen für die Sezessionisten von Biafra eingeflogen wurden – durch Flugzeuge des angeblich neutralen Roten Kreuzes.
«checkup»: Was haben Sie gemacht, als Sie aus dem Ausland zurückgekommen sind?
Dr. Schittly: Ziemlich Verschiedenes. Zum Beispiel Augenheilkunde studiert, einen Roman geschrieben, einen Film gedreht und geheiratet.
«checkup»: Und heute?
Dr. Schittly: Heute bin ich ärztlicher Leiter dieses Centre de Convalescence ...
«checkup»:... das auch Clochards offen steht?
Dr. Schittly: Aber selbstverständlich! Daneben befasse ich mich, einen halben Tag jede Woche, in einem benachbarten Spital mit der Behandlung und Prävention von Aids. Und zweimal im Jahr fahre ich in den Südsudan, zur Betreuung einer Klinik, an deren Aufbau ich damals beteiligt war. Und schliesslich leiste ich mir noch einen kleinen Bauernhof, mit Schweinen, Kaninchen und viel Geflügel ...
«checkup»:... und einem Knecht, der den Stall mistet?
Dr. Schittly: Ich bin und bleibe mein eigener Knecht – sozusagen aus Prinzip.
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