Was beschäftigt Sie, Herr Dr. Häcki?

Frage zum Tage

«Zum Beispiel beschäftigt mich, dass Schweizer Ärzte und Schweizer Bauern trotz ihren sehr unterschiedlichen Tätigkeiten und Lebenswelten viel Gemeinsames haben. Beide sind eher konservativ und patriarchalisch eingestellt, und beide produzieren in einer Art von geschützen Werkstätten Produkte und Leistungen zu Festpreisen – unabhängig von qualitativen und marktwirtschaftlichen Anforderungen. Und wie über die Milliardenkosten der Landwirtschaft wird landauf und landab auch über die Gesundheitskosten lamentiert. Die Bauern, durch die Marktöffnung gehörig durcheinander geschüttelt, sind uns inzwischen allerdings einen Schritt voraus. Sie betätigen sich mehr und mehr als Nischenplayer, als Rasenzüchter, Blumenhändler, Kräuterpflanzer, Brotbäcker, Ab-Hof-Verkäufer, Greenkeeper usw. Wir Ärzte haben einen ähnlichen Schrit noch vor uns. Auch wenn sich wendige Kollegen bereits ebenfalls in verschiedenen Nischen etabliert haben – von der Ästhetik über die Kosmetik bis zu Kompetenzzentren aller Art –, produzieren die meisten von uns, frech gesagt, weiterhin Käseberge und Milchseen nach Tarif. Und daran wird auch Tarmed nichts ändern. Mehr Markt für uns Ärzte ist zweifellos das Gebot der Stunde, und da wir vermutlich nicht dümmer als die Bauern sind, werden auch wir unsere Angebote den veränderten Verhältnissen anpassen. Dabei wird es darum gehen, besser als bisher auf die Bedürfnisse der Kunden einzugehen, also den Patienten als Auftraggeber wahrzunehmen, und zwar partnerschaftlich statt paternalistisch. Allerdings sind unsere Kunden ihrerseits am Gängelband der Krankenversicherung gefangen. Eigenverantwortung und zweckmässiges ökonomisches Verhalten werden in keiner Weise belohnt. Der Selbstbehalt ist klein, die jährlich steigenden Prämien in Stein gemeisselt. Trotzdem sollten wir uns immer bewusst sein, dass unsere Partner und Verbündete auch in Zukunft weder Funktionäre noch Consultants, weder Politiker noch Bundesräte, sondern unsere Patientinnen und Patienten sein werden. Für sie müssen wir uns engagieren. Was vor lauter Tarmed-Gerangel und Tarmed-Gezeter manchmal in Vergessenhait zu geraten scheint.»

STECKBRIEF

Name, Beruf: Martin Häcki, Dr. med. FMH für Lungenkrankheiten und Allergologie, Zürich
Geburtsdatum: 28. Februar 1945
Zivilstand: geschieden, 3 Kinder
Lieblingsland: Europa
Lieblingsschriftsteller: José Ortega y Gasset – unter vielen anderen
Lieblingsmaler: Max von Moos – unter vielen anderen
Lieblingsmusiker: Glenn Gould – unter vielen anderen
Lieblingssport: Joggen
Lieblingssteckenpferd: Wissenschaft, Ökonomie, Politik
Lieblingsthese: Die Infantilisierung unserer Gesellschaft: 100 Prozent Fun, 0 Prozent Risk

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