Mit Überfluss den Mangel lindern

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Aus Anlass ihres 40. Geburtstags hat sich die Ärztekasse entschlossen, das Sozialprojekt «Schweizer Tafel» der Stiftung Hoffnung für Menschen in Not mit einem namhaften Beitrag zu unterstützen. «checkup» sprach darüber mit Angelika Meier, der Initiantin und Präsidentin der «Aargauer Tafel».

«checkup»: Was war der Ausgangspunkt Ihres Projekts, und worin besteht sein Grundgedanke?

Angelika Meier: Ausgangspunkt war die Tatsache, dass wir einerseits in einer Wegwerf- und Überflussgesellschaft leben, in der es andererseits jedoch immer mehr Menschen gibt, denen es am Notwendigsten fehlt. Wie bei den amerikanischen und deutschen Vorbildern «City Harvest» und «Deutsche Tafel» besteht der Grundgedanke unseres Projekts darin, Nahrungsmittel, deren Verkaufsdatum abgelaufen ist, nicht mehr wegzuwerfen, sondern sie kostenlos an jene weiterzugeben, die sie dringend benötigen. Denn inzwischen leben in der Schweiz bereits etwa zehn Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze – Tendenz steigend. Demgegenüber haben wir die unhaltbare Situation, dass pro Jahr und Person bis zu 36 Kilogramm qualitativ einwandfreie Lebensmittel vom Handel ausgeschieden und danach meistens vernichtet werden. Und davon wären, gemäss einer Studie von McKinsey, mindestens 10 Prozent – und das sind rund 15 000 Tonnen pro Jahr! – für die Verteilung an Bedürftige geeignet. Denn die Frist zwischen dem letzten zulässigen Verkaufstermin und dem empfohlenen Verbrauchsdatum beträgt in der Regel fünf Tage.

«checkup»:Das heisst, dass für das Umverteilen nur wenig Zeit zur Verfügung steht?

Angelika Meier:Ja, das ist auch das Hauptproblem beim Umsetzen der Idee, mit dem Überfluss den Mangel zu lindern. Dieser Austausch kann nur erfolgreich funktionieren, wenn er effizient und kostensparend durchgeführt wird und wenn die Wege zwischen den Lieferanten und den Abnehmern nicht zu weit sind.

«checkup»:Sie müssen sich also regional organisieren?

Angelika Meier:Genau. Geplant ist ein nationales Netzwerk mit regionalen Niederlassungen. Angefangen hat es vor anderthalb Jahren in Bern. Dann folgte die Gründung von Tafel-Organisationen in Zürich, Basel, Luzern und Aargau. Hier im Aargau sind wir seit Januar dieses Jahres an der Arbeit.

«checkup»:Was sind es denn vor allem für Waren, die Sie verteilen?

Angelika Meier:Das sind Nahrungsmittel aller Art: Gemüse und Früchte, Fleisch und Fisch, Reis und Spaghetti, Milchprodukte und Backwaren. Dazu kommen Fertig- und Halbfertiggerichte sowie natürlich auch Konserven.

«checkup»:Und woher bekommen Sie diese Produkte?

Angelika Meier:Die werden uns von Grossunternehmen wie Coop, Migros, Globus und Carrefour gespendet sowie von lokalen Händlern und Herstellern, also von grösseren und kleineren Bäckereien, Metzgereien, Molkereien und Konservenfabriken. Zuweilen kommt sogar ein Angebot vom Militär ...

«checkup»:... das überzählige Crèmeschnitten abstossen möchte?

Angelika Meier:Oder, wie auch schon geschehen, 300 überzählige Koteletts.

«checkup»:Welche ja wahrscheinlich auch nicht so ohne weiteres rechtzeitig unter die Leute zu bringen sind?

Angelika Meier:Nein, das ist natürlich nicht immer ganz einfach. Da muss man schon sehr flexibel disponieren und manchmal auch improvisieren können.

«checkup»:Wer kommt schliesslich in den Genuss Ihrer Angebote?

Angelika Meier:Vor allem soziale Einrichtungen wie Gassenküchen, Kinderkrippen, Frauenhäuser, Notunterkünfte, Obdachlosenheime. Ausnahmsweise aber auch einzelne bedürftige Familien. Insgesamt werden in der Schweiz Woche für Woche über 200 soziale Institutionen beliefert, die mit den gespendeten Produkten etwa 70 000 Mahlzeiten für Bedürftige zubereiten.

«checkup»:Das ist allerdings eindrücklich.
Wie kommen Sie denn zu den Adressen – der Lieferanten und der Empfänger?

Angelika Meier:Die Empfängeradressen erhalten wir meistens von den Sozialämtern. Die Lieferanten werden von uns angefragt oder melden sich aufgrund von Medienberichten bei uns.

«checkup»:Und wie funktioniert die Verteilung der gespendeten Güter konkret?

Angelika Meier:Die funktioniert so, dass unsere Chauffeure jeden Morgen um 7 Uhr losfahren um die Waren nach einem vorausbestimmten Routenplan einzusammeln. Dabei sind sie verpflichtet, alle von den Geschäften zum Abholen bereitgestellten Lebensmittel mitzunehmen. Gegen 11 Uhr trifft man sich im regionalen Betriebszentrum, wo die Produkte gesichtet und so auf die einzelnen Lieferwagen verteilt werden, dass jeder über ein möglichst ausgewogenes Angebot verfügt. Anschliessend erfolgt die Auslieferung an die verschiedenen Abnehmer, die sich nach Bedarf bedienen können, wobei natürlich geschaut wird, dass alle etwas bekommen.

«checkup»:Und wenn etwas keine Abnehmer findet?

Angelika Meier:Das kommt praktisch überhaupt nicht vor.

«checkup»:Wie wird denn diese Verteilung finanziert?

Angelika Meier:Die Chauffeure und ihre Begleiter kommen zum Teil aus Arbeitslosenprogrammen, oder es sind pensionierte Berufsleute, die sich gratis zur Verfügung stellen.

«checkup»:Und die Lieferwagen?

Angelika Meier:Diese werden uns von den Firmen Toyota und Credit Suisse Leasing kostenlos zur Verfügung gestellt – samt vorschriftsgemässer Kühltechnik und inklusive Benzin.

«checkup»:Und der übrige Aufwand?

Angelika Meier:Ausser den professionellen Betriebsleiterinnen und Betriebsleitern arbeiten wir alle ehrenamtlich. Die übrigen Kosten – pro regionale Organisation rund 150 000 Franken jährlich – werden von Gönnerinnen, Sponsoren und Vereinsmitgliedern getragen, wobei weitere Spenderinnen und Spender natürlich herzlich willkommen sind!

www.schweizer-tafeln.ch
Spendenkonto: Credit Suisse Murten, Konto 332362-31-11,
Bankenclearing 533

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