Dubioser Werbefeldzug

Dubioser Werbefeldzug

Warum werben Krankenkassen bei Ärztinnen und Ärzten im ganzen Land für einen Wechsel vom Tiers garant zum Tiers payant? Dazu einige Anmerkungen von betroffener und berufener Seite.

Philip Baumann
lic. oec. publ., VR-Delegierter Newindex AG


Die Krankenversicherungen Helsana und CSS haben das Sommerloch dazu benutzt, die schweizerische Ärzteschaft sozusagen flächendeckend mit Werbebriefen zu beglücken. Darin wird in fast wörtlich identischem Amtsdeutsch Folgendes ausgeführt: «Aufgrund des Art. 42 Abs. 2 KVG und Art. 11 des Tarmed-Rahmenvertrages können Versicherer und Leistungserbringer vereinbaren, dass der Versicherer die Vergütung der ärztlichen Leistung übernimmt. Entsprechend garantieren wir Ihnen, sämtliche KVG/UVG-Arztrechnungen aus der ganzen Schweiz im Tiers payant elektronisch via MediPort entgegenzunehmen.»

Zuckerbrot ...

Dem Schreiben ist eine Antwortkarte mit dem Hinweis beigefügt, dass man nach deren Rücksendung «umgehend einen Teilnehmervertrag und den notwendigen Support» erhalten werde. Und um das alles möglichst schmackhaft servieren zu können, hat man es noch mit verbalen Goodies wie «Prozessoptimierung», «Effizienzvorteilen» und «Kostensenkung» garniert. Dazu ein Titel, der scheinbar keine Wünsche offenlässt: «Mit Helsana direkt elektronisch abrechnen. Und sparen auf ganzer Linie.» Das tönt so verheissungsvoll, dass die Versuchung entsprechend gross ist, für einmal mit unschweizerischer Spontaneität anzubeissen bzw. zuzugreifen.

... und saure Gurken

Glücklich jene, die trotz allen akquisitorischen Verführungskünsten standhaft geblieben sind und sich nicht haben einseifen lassen. Denn die Avancen der beiden Krankenkassen entpuppen sich bei genauerem Hinsehen als scheinheilige Schummelei, die statt ins gelobte Versicherungsglück auf dem Holzweg in die Sackgasse führt. Es macht den Anschein, und ist ja vielleicht der sommerlichen Hitze und Sauregurkenzeit zuzuschreiben, als ob man bei CSS und Helsana ganz vergessen hat, dass die Abrechnung der KVG-Leistungen inzwischen zu 90 Prozent im System des Tiers garant erfolgt, also direkt mit den Patienten. Der Tiers payant dagegen, die Abrechnung mit den Versicherern, wird heute nur noch in fünf Kantonen praktiziert. Tendenz abnehmend. Was vor allem damit zusammenhängt, dass im KVG aus gutem Grund der Tiers garant als Standard postuliert wird und sowohl der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte eine Abkehr vom Tiers payant gefordert hat, da dieser die Auflagen des Datenschutzgesetzes nicht zu erfüllen vermag, als auch die massgebenden Konsumenten- und Patientenorganisationen. Denn nur durch eine direkte Abrechnung zwischen Arzt und Patient wird es möglich sein, dem allgemein anerkannten Verlangen nach mehr Eigenverantwortung gerecht zu werden und damit auch dem Anspruch auf mehr Kostenbewusstsein und Kostentransparenz.

Einladung zum Vertragsbruch

Das alles wird in den Werbebriefen der beiden Versicherer aber leider konsequent ausgeblendet. Verschwiegen wird zudem vor allem auch die unliebsame Tatsache, dass der propagierte Systemwechsel in sämtlichen 21 Tiers-garant-Kantonen gar nicht möglich ist, ohne bestehende Verträge zu verletzen. Denn rechtlich lässt sich eine Abrechnung à la Tiers payant grundsätzlich nur ausserhalb des jeweils gültigen Tarmed-Anschlussvertrags vereinbaren. Was entweder den (seltenen) Fall voraussetzt, dass man diesem gar nie beigetreten ist oder ihn individuell gekündigt hat, wobei per 1. Juni und 31. Dezember eine Kündigungsfrist von sechs Monaten besteht.

Datenhoheit und Wettbewerb

Über die Frage, was wohl die beiden Versicherungen zu ihrer wunderlichen Werbeaktion veranlasst haben mag, kann im Moment nur gemutmasst werden. Da ihr Angebot zum Systemwechsel die künftige Übermittlung der Rechnungsdaten «via MediPort von MediData AG» beinhaltet, liegt die Vermutung allerdings nahe, dass es dabei weit weniger um «Prozessoptimierung» und «Effizienzvorteile» oder gar um «Kostensenkung» geht als um Machterhaltung und Datenhoheit. Denn dank MediPort und MediData, die mehrheitlich im Besitz der Krankenkassen sind, haben diese die Möglichkeit, die Ärzte, die auf das Angebot eingehen, am finanziellen Gängelband zu führen. Die massive Propaganda für den Systemwechsel hat zudem offensichtlich zum Ziel, dem eigenen Intermediär Vorteile im wirtschaftlichen und standespolitischen Wettbewerb mit den ärzteeigenen TrustCentern zu verschaffen, die den Versicherern im Prinzip die gleichen Leistungen anbieten können – allerdings besser und billiger.

Qualität und Kosten

Die im Vergleich zu anderen Anbietern überlegene Datenqualität der TrustCenter liegt darin begründet, dass diese Daten ohne Medienbruch von den Praxen zu den Versicherern gelangen, da die Digitalisierung bereits im Computer der Arztpraxis stattfindet. Was sich auch auf die Kosten vorteilhaft auswirkt. Weil damit die beim Scanning unvermeidlichen Erfassungsfehler ebenso entfallen wie die manuellen Nachbearbeitungen, die beim durchgehenden XML-Standard übeflüssig sind. Was im Klartext heisst, dass die Krankenkassen die digitalisierten Daten ihrer Kundinnen und Kunden bei den TrustCentern nicht nur in besserer Qualität, sondern auch zu einem günstigeren Preis beziehen könnten als bei allen anderen Verfahren. Zwei grosse Versicherungen haben das erkannt und profitieren von diesen Leistungsvorteilen. Doch die Mehrheit der Kassen scheint sich einstweilen weiterhin lieber für den eigenen Einfluss zu engagieren als für die Verbesserung der Qualität und die Verringerung der Kosten.

Kooperation statt Isolation

Bleibt trotzdem zu hoffen, dass dieser kurzsichtige Isolationismus überwunden wird und dass sich die Krankenkassen bald einmal zu einer produktiven Zusammenarbeit mit den TrustCentern aufraffen, an die inzwischen rund 7200 Ärztinnen und Ärzte angeschlossen sind, also gut 50 Prozent aller Schweizer Arztpraxen. Denn eigentlich steht es ja klipp und klar fest, dass die Tätigkeit der TrustCenter – und dabei insbesondere ihre Dienstleistung «Praxissppiegel» – gerade auch im Hinblick auf die immer wichtiger werdenden Prämissen «Wirtschaftlichkeit, Zweckmässigkeit, Wirksamkeit» allen Beteiligten zugute kommt: den Versicherern wie der Ärzteschaft sowie – last, not least – den Patientinnen und Patienten.

Für weitere Informationen:
NewIndex, Telefon 052 235 19 35, www.newindex.ch, philip.baumann@bluecare.ch


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