«Hier möchte ich lieber nicht krank werden ...»
Blick über die Grenze
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... erklärt Dr. med. Zsuzsa Mónos bestimmt. In einem Gespräch mit «checkup» berichtet die Fachärztin für Onkodermatologie über ihre persönliche Arbeitssituation in Budapest und über das Funktionieren und Nichtfunktionieren des ungarischen Gesundheitswesens.
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«checkup»: Wie sieht, Frau Dr. Mónos, Ihr beruflicher Alltag aus?
Dr. Mónos: Tagsüber arbeite ich als Chefärztin in der onkodermatologischen Abteilung des Budapester St.-Istvan-Krankenhauses. Daneben führe ich eine private Praxis für Dermatologie und medizinische Kosmetologie.
«checkup»: Sie sind also nicht vollamtlich im Krankenhaus beschäftigt?
Dr. Mónos: Doch, doch, acht Stunden jeden Tag. Doch ist diese Arbeit so schlecht bezahlt, dass es einfach nicht zum Leben reicht.
«checkup»: Das heisst ...?
Dr. Mónos:... das heisst, dass ich ein Monatsgehalt von etwa 98 000 Forint erhalte, von denen mir rund 62 000 ausbezahlt werden.
«checkup»: 98 000 Forint? Das wären ja weniger als 650 Schweizer Franken. Sind Sie sicher, dass Sie da nicht eine Null vergessen haben?
Dr. Mónos: Ja, ja, da bin ich absolut sicher. Da fehlt leider durchaus keine Null. 90 000 Forint entsprechen hier einem üblichen Chefarztgehalt. Deshalb sind die ungarischen Doktoren auf Nebeneinkünfte angewiesen. Und deshalb arbeite ich auch jeweils am Dienstag- und Donnerstagabend in meiner Privatpraxis, deren Empfangs- und Operationsraum ich mit einer anderen Ärztin teile. Natürlich hoffe ich, dass ich bald einmal auf die Anstellung im Spital verzichten kann, weil mir diese Doppelbelastung doch allmählich etwas zu viel wird.
«checkup»: Wie erklären Sie sich denn diese schwierige Situation der ungarischen Ärztinnen und Ärzte? Gesamtökonomisch geht es dem Land inzwischen ja relativ gut - jedenfalls gilt Ungarn doch als marktwirtschaftlicher Musterschüler und Favorit unter den zahlreichen EU-Kandidaten?
Dr. Mónos: Ja, insgesamt geht es in diesem Land wirtschaftlich durchaus vorwärts und aufwärts. Doch hat der Übergang von der einstigen Planwirtschaft in die heutige Marktwirtschaft dazu geführt, dass der Mittelstand, zu dem früher die Ärzte gehörten, weitgehend am Verschwinden ist und sich die Gesellschaft mehr und mehr spaltet - in eine wohlhabende Minderheit, die offenbar immer reicher wird, und in einen weitaus grösseren Teil, der zunehmend unter Armut leidet. Dazu kommt, dass die Liberalisierung und der wirtschaftliche Aufschwung im Gesundheitswesen kaum stattgefunden haben. Hier werden die Strukturen und Verfahren noch immer durch die alte Staatsbürokratie bestimmt.
«checkup»: Jetzt, im Vorfeld der Parlamentswahlen, wird doch das Thema Gesundheitswesen ziemlich heftig diskutiert ...
Dr. Mónos:... schon seit Jahren wird über eine Reorganisation des Gesundheitswesen viel geredet und geschrieben, getan aber hat sich kaum etwas. So hat die heutige Regierung im letzten Wahlkampf vor vier Jahren angekündigt, das Einkommen der Ärzte um das Vierfache anzuheben - schöne Worte, auf die bis jetzt keinerlei Taten folgten. Nach wie vor ist für die Gesundheit kaum Geld vorhanden, weder für die Löhne der Ärzte noch für die Einrichtungen der Krankenhäuser, die meistens vollkommen veraltet sind. Das Krankenhaus, in dem ich arbeite, ist über hundert Jahre alt, und das ist durchaus keine Ausnahme. Da ist praktisch jeden Tag wieder etwas anderes kaputt, da müssen längst ausgediente Geräte immer wieder geflickt werden, weil keine Mittel vorhanden sind für moderne Apparaturen. Dies alles erzeugt eine Atmosphäre, die ziemlich deprimierend ist und es auch fast verunmöglicht, eine zufrieden stellende Qualität der medizinischen Versorgung zu erreichen. Jedenfalls möchte ich hier lieber nicht krank sein und habe durchaus Verständnis dafür, dass jene, die es bezahlen können, sich privat behandeln lassen.
«checkup»: Es gibt also auch private Spitäler?
Dr. Mónos: Ja. Aber in diesen Kliniken muss man alles selbst finanzieren, was sich nur sehr wohlhabende Leute leisten können. Denn hier kostet zum Beispiel eine Geburt etwa 300 000 Forint, also über 2000 Schweizer Franken.
«checkup»: Und da besteht keine Möglichkeit, sich dafür zu versichern?
Dr. Mónos: Nein, diese Möglichkeit gibt es bei uns leider noch immer nicht. Es gibt nur die staatliche Krankenkasse, die für alle Bürgerinnen und Bürger obligatorisch ist, jedoch nur jene Behandlungen bezahlt, die in staatlichen Spitälern oder Ambulatorien erfolgen.
«checkup»: Übernimmt die staatliche Kasse sämtliche Kosten, oder muss man einen Teil selbst bezahlen?
Dr. Mónos: Nein, die Versicherung übernimmt alle Kosten, inklusive Medikamente.
«checkup»: Wie steht es mit den Versicherungsbeiträgen?
Dr. Mónos: Die werden direkt vom Lohn abgezogen und hängen von der Höhe des Einkommens ab. Je höher der Verdienst, um so höher die Beiträge. Zurzeit macht das 40 Prozent des Bruttolohnes aus.
«checkup»: Und in Ihrer Privatpraxis?
Dr. Mónos: Da müssen die Patienten selbst bezahlen.
«checkup»: Was kostet denn eine Konsultation bei Ihnen?
Dr. Mónos: Das ist vom Zeitaufwand abhängig. Im Allgemeinen kostet eine erste Konsultation von maximal 20 Minuten 4000 Forint, also etwa 28 Schweizer Franken, die folgenden dann nur noch 2000-3000, also zwischen 14 und 21 Franken.
«checkup»: Mit diesen Ansätzen können Sie sich aber auch noch keinen Mercedes leisten?
Dr. Mónos: Nein, ein Mercedes liegt da noch lange nicht drin.
«checkup»: Doch Sie können verrechnen, was Sie wollen - oder gibt es einen vorgeschriebenen Tarif?
Dr. Mónos: Nein, da gibt es keine Vorschriften, das sind sozusagen marktwirtschaftliche Honorare, die sich auch danach ausrichten, was in anderen privaten Praxen verrechnet wird.
«checkup»: Was braucht es für Voraussetzungen, um eine private Praxis eröffnen zu können?
Dr. Mónos: Dafür wird nach der ärztlichen Grundausbildung, die bei uns sechs Jahre dauert, eine noch einmal fünfjährige Fachausbildung und Fachpraxis vorausgesetzt.
«checkup»: Und als Allgemeinmediziner?
Dr. Mónos: Allgemeinmediziner können bis heute keine private Praxis führen, sondern müssen in staatlichen Spitälern oder öffentlichen Ambulatorien arbeiten.
«checkup»: Gibt es zu viele oder zu wenig Ärzte?
Dr. Mónos: Weil die Verdienstverhältnisse so unattraktiv geworden sind, gibt es immer weniger junge Leute, die Medizin studieren wollen. An der Budapester Universität haben sich zum Beispiel früher jedes Jahr an die 500 Medizinstudenten immatrikuliert. Heute sind es nur noch etwa 280.
«checkup»: Und die Krankenschwestern und Krankenpfleger?
Dr. Mónos: Da ist die Situation noch schwieriger, weil die noch viel schlechter bezahlt werden. Das hat dazu geführt, dass in Spitälern ganze Abteilungen geschlossen werden mussten, weil es an Pflegepersonal gefehlt hat.
«checkup»: Letzte Frage, Frau Dr. Mónos: Wie kommt es, dass Sie so ausgezeichnet deutsch sprechen?
Dr. Mónos: Deutsch - wenn leider auch keineswegs ausgezeichnet - habe ich in der ehemaligen DDR gelernt, wo wir als Kinder öfter in den Ferien waren.
«checkup»: Und eine allerletzte Frage: Was würden Sie tun, wenn man Sie nach den kommenden Wahlen zur Gesundheitsministerin ernennen würde?
Dr. Mónos: Alles radikal reformieren. Besser gesagt, alles total umbauen. Also die Bürokratie abschaffen, das Vergütungssystem erneuern, die Infrastruktur modernisieren, das Versicherungswesen liberalisieren und so weiter und so weiter. Dies würde allerdings zwei Dinge voraussetzen: Erstens müsste der Anteil des Gesundheitsbudgets am Gesamtbudget ganz wesentlich erhöht werden. Und zweitens - und das ist noch viel wichtiger - müsste ein weitgehendes Umdenken stattfinden, und zwar nicht nur in der Politik und in der Beamtenschaft, sondern auch in der Bevölkerung.
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Dr. Mónos: Tagsüber arbeite ich als Chefärztin in der onkodermatologischen Abteilung des Budapester St.-Istvan-Krankenhauses. Daneben führe ich eine private Praxis für Dermatologie und medizinische Kosmetologie.
«checkup»: Sie sind also nicht vollamtlich im Krankenhaus beschäftigt?
Dr. Mónos: Doch, doch, acht Stunden jeden Tag. Doch ist diese Arbeit so schlecht bezahlt, dass es einfach nicht zum Leben reicht.
«checkup»: Das heisst ...?
Dr. Mónos:... das heisst, dass ich ein Monatsgehalt von etwa 98 000 Forint erhalte, von denen mir rund 62 000 ausbezahlt werden.
«checkup»: 98 000 Forint? Das wären ja weniger als 650 Schweizer Franken. Sind Sie sicher, dass Sie da nicht eine Null vergessen haben?
Dr. Mónos: Ja, ja, da bin ich absolut sicher. Da fehlt leider durchaus keine Null. 90 000 Forint entsprechen hier einem üblichen Chefarztgehalt. Deshalb sind die ungarischen Doktoren auf Nebeneinkünfte angewiesen. Und deshalb arbeite ich auch jeweils am Dienstag- und Donnerstagabend in meiner Privatpraxis, deren Empfangs- und Operationsraum ich mit einer anderen Ärztin teile. Natürlich hoffe ich, dass ich bald einmal auf die Anstellung im Spital verzichten kann, weil mir diese Doppelbelastung doch allmählich etwas zu viel wird.
«checkup»: Wie erklären Sie sich denn diese schwierige Situation der ungarischen Ärztinnen und Ärzte? Gesamtökonomisch geht es dem Land inzwischen ja relativ gut - jedenfalls gilt Ungarn doch als marktwirtschaftlicher Musterschüler und Favorit unter den zahlreichen EU-Kandidaten?
Dr. Mónos: Ja, insgesamt geht es in diesem Land wirtschaftlich durchaus vorwärts und aufwärts. Doch hat der Übergang von der einstigen Planwirtschaft in die heutige Marktwirtschaft dazu geführt, dass der Mittelstand, zu dem früher die Ärzte gehörten, weitgehend am Verschwinden ist und sich die Gesellschaft mehr und mehr spaltet - in eine wohlhabende Minderheit, die offenbar immer reicher wird, und in einen weitaus grösseren Teil, der zunehmend unter Armut leidet. Dazu kommt, dass die Liberalisierung und der wirtschaftliche Aufschwung im Gesundheitswesen kaum stattgefunden haben. Hier werden die Strukturen und Verfahren noch immer durch die alte Staatsbürokratie bestimmt.
«checkup»: Jetzt, im Vorfeld der Parlamentswahlen, wird doch das Thema Gesundheitswesen ziemlich heftig diskutiert ...
Dr. Mónos:... schon seit Jahren wird über eine Reorganisation des Gesundheitswesen viel geredet und geschrieben, getan aber hat sich kaum etwas. So hat die heutige Regierung im letzten Wahlkampf vor vier Jahren angekündigt, das Einkommen der Ärzte um das Vierfache anzuheben - schöne Worte, auf die bis jetzt keinerlei Taten folgten. Nach wie vor ist für die Gesundheit kaum Geld vorhanden, weder für die Löhne der Ärzte noch für die Einrichtungen der Krankenhäuser, die meistens vollkommen veraltet sind. Das Krankenhaus, in dem ich arbeite, ist über hundert Jahre alt, und das ist durchaus keine Ausnahme. Da ist praktisch jeden Tag wieder etwas anderes kaputt, da müssen längst ausgediente Geräte immer wieder geflickt werden, weil keine Mittel vorhanden sind für moderne Apparaturen. Dies alles erzeugt eine Atmosphäre, die ziemlich deprimierend ist und es auch fast verunmöglicht, eine zufrieden stellende Qualität der medizinischen Versorgung zu erreichen. Jedenfalls möchte ich hier lieber nicht krank sein und habe durchaus Verständnis dafür, dass jene, die es bezahlen können, sich privat behandeln lassen.
«checkup»: Es gibt also auch private Spitäler?
Dr. Mónos: Ja. Aber in diesen Kliniken muss man alles selbst finanzieren, was sich nur sehr wohlhabende Leute leisten können. Denn hier kostet zum Beispiel eine Geburt etwa 300 000 Forint, also über 2000 Schweizer Franken.
«checkup»: Und da besteht keine Möglichkeit, sich dafür zu versichern?
Dr. Mónos: Nein, diese Möglichkeit gibt es bei uns leider noch immer nicht. Es gibt nur die staatliche Krankenkasse, die für alle Bürgerinnen und Bürger obligatorisch ist, jedoch nur jene Behandlungen bezahlt, die in staatlichen Spitälern oder Ambulatorien erfolgen.
«checkup»: Übernimmt die staatliche Kasse sämtliche Kosten, oder muss man einen Teil selbst bezahlen?
Dr. Mónos: Nein, die Versicherung übernimmt alle Kosten, inklusive Medikamente.
«checkup»: Wie steht es mit den Versicherungsbeiträgen?
Dr. Mónos: Die werden direkt vom Lohn abgezogen und hängen von der Höhe des Einkommens ab. Je höher der Verdienst, um so höher die Beiträge. Zurzeit macht das 40 Prozent des Bruttolohnes aus.
«checkup»: Und in Ihrer Privatpraxis?
Dr. Mónos: Da müssen die Patienten selbst bezahlen.
«checkup»: Was kostet denn eine Konsultation bei Ihnen?
Dr. Mónos: Das ist vom Zeitaufwand abhängig. Im Allgemeinen kostet eine erste Konsultation von maximal 20 Minuten 4000 Forint, also etwa 28 Schweizer Franken, die folgenden dann nur noch 2000-3000, also zwischen 14 und 21 Franken.
«checkup»: Mit diesen Ansätzen können Sie sich aber auch noch keinen Mercedes leisten?
Dr. Mónos: Nein, ein Mercedes liegt da noch lange nicht drin.
«checkup»: Doch Sie können verrechnen, was Sie wollen - oder gibt es einen vorgeschriebenen Tarif?
Dr. Mónos: Nein, da gibt es keine Vorschriften, das sind sozusagen marktwirtschaftliche Honorare, die sich auch danach ausrichten, was in anderen privaten Praxen verrechnet wird.
«checkup»: Was braucht es für Voraussetzungen, um eine private Praxis eröffnen zu können?
Dr. Mónos: Dafür wird nach der ärztlichen Grundausbildung, die bei uns sechs Jahre dauert, eine noch einmal fünfjährige Fachausbildung und Fachpraxis vorausgesetzt.
«checkup»: Und als Allgemeinmediziner?
Dr. Mónos: Allgemeinmediziner können bis heute keine private Praxis führen, sondern müssen in staatlichen Spitälern oder öffentlichen Ambulatorien arbeiten.
«checkup»: Gibt es zu viele oder zu wenig Ärzte?
Dr. Mónos: Weil die Verdienstverhältnisse so unattraktiv geworden sind, gibt es immer weniger junge Leute, die Medizin studieren wollen. An der Budapester Universität haben sich zum Beispiel früher jedes Jahr an die 500 Medizinstudenten immatrikuliert. Heute sind es nur noch etwa 280.
«checkup»: Und die Krankenschwestern und Krankenpfleger?
Dr. Mónos: Da ist die Situation noch schwieriger, weil die noch viel schlechter bezahlt werden. Das hat dazu geführt, dass in Spitälern ganze Abteilungen geschlossen werden mussten, weil es an Pflegepersonal gefehlt hat.
«checkup»: Letzte Frage, Frau Dr. Mónos: Wie kommt es, dass Sie so ausgezeichnet deutsch sprechen?
Dr. Mónos: Deutsch - wenn leider auch keineswegs ausgezeichnet - habe ich in der ehemaligen DDR gelernt, wo wir als Kinder öfter in den Ferien waren.
«checkup»: Und eine allerletzte Frage: Was würden Sie tun, wenn man Sie nach den kommenden Wahlen zur Gesundheitsministerin ernennen würde?
Dr. Mónos: Alles radikal reformieren. Besser gesagt, alles total umbauen. Also die Bürokratie abschaffen, das Vergütungssystem erneuern, die Infrastruktur modernisieren, das Versicherungswesen liberalisieren und so weiter und so weiter. Dies würde allerdings zwei Dinge voraussetzen: Erstens müsste der Anteil des Gesundheitsbudgets am Gesamtbudget ganz wesentlich erhöht werden. Und zweitens - und das ist noch viel wichtiger - müsste ein weitgehendes Umdenken stattfinden, und zwar nicht nur in der Politik und in der Beamtenschaft, sondern auch in der Bevölkerung.
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