Einladung zur Transparenz

Politique de santé

Weil sie gegenseitig voneinander abhängig sind - Ärzteschaft und Politik wie auch die Krankenkassen und ihre Kunden -, aber unterschiedliche Interessen haben, sind die Beziehungen ziemlich schwierig. Ihre Verbesserung setzt voraus, dass die Verhältnisse und die Verhaltensweisen transparenter und offener werden.

Guido Probst, Dr. med., Verwaltungsratspräsident der Ärztekasse

Jeden Herbst wird im Parlament wieder emsig an den Fäden der Strategien gesponnen und gezogen. Und jeden Herbst versprechen die politischen Architekten und Bauzeichnerlehrlinge des Gesundheitswesens «mehr Transparenz». Allerdings: was in dieser Hinsicht von den Ärztinnen und Ärzten auf der einen und von den Krankenkassen auf der anderen Seite geboten wird, ist nicht von gleicher Qualität. Während die Ärzteschaft im ganzen Land für eine zeitgemässe und übersichtliche Rechungsstellung gerüstet ist, bleiben Transparenz und Verständlichkeit der Krankenkassenprämien für die meisten Versicherten auch in diesem Jahr ein unerfüllter Wunsch. Kundenfreundliche Krankenkassen? Ehrliche Politiker? Schön wärs!

Verdruss statt Vergnügen

Wie jedes Jahr werden wir als obligatorisch Versicherte demnächst wieder Post von unserer Krankenkasse erhalten. Mehr oder weniger schonungsvoll wird sie uns über die Versicherungsprämie informieren, mit der sie uns ab Januar zu beglücken gedenkt. Dabei wird sie die erneute Kostenerhöhung wahrscheinlich kaum mit Argumenten begründen, die sich auf den jeweiligen Einzelfall beziehen. Stattdessen werden wir uns wohl wie üblich mit dem Hinweis darauf begnügen müssen, welche zusätzlichen Leistungen man den Versicherern wieder aufgebürdet habe und was sonst noch alles schuld sei an den stetig steigenden Kosten - Erklärungen und Deutungen, mit denen die geplagten Kassenkunden schon seit Monaten von den Medien eingedeckt worden sind.

Zugegeben: die Krankenkassen hatten in den letzten Jahren verschiedenste Wechselbäder durchzustehen - insbesondere im Zusammenhang mit den permanenten Versuchen, auf die Prämiengestaltung politisch Einfluss zu nehmen. Sie sind als eigenständige Unternehmen deshalb keineswegs zu beneiden. Während sie in der Ära Dreifuss ihre Reserven dermassen strapazieren mussten, dass manche Versicherer an den Rand des Ruins gerieten, scheint ihnen nun auch die Ära Couchepin mehr Verdruss als Vergnügen zu bereiten.

Tricks statt Lösungen

Man muss die neusten politischen Versuche, die Krankenkassenprämien tief zu halten, als eigentliche Taschenspielertricks bezeichnen. Denn sie erschöpfen sich in einem Einmaleffekt und werden somit ins Nirwana verpuffen. Zudem setzen sie falsche Signale. Der Anreiz zur ausgiebigen Inanspruchnahme medizinischer Leistungen wird verstärkt, weil die bevorstehende Rabattkürzung für höhere Franchisen verantwortungsvolle Versicherte frustriert und verärgert. Zudem ist die für ein Jahr erhoffte Prämiendämpfung leider lediglich minimal. Dagegen wird mit der Wahl einer tieferen Jahresfranchise das Verhaltensmuster des undifferenzierten Medizinalkonsums gefördert statt gebremst. Kaum zu glauben, dass diese Initiativen nicht aus dem Dreifuss-Keller, sondern aus der Couchepin-Küche kommen.

Blindflug ins Blaue

Ein so genannter Nachholbedarf wird angeblich mit der neuen Einteilung der Prämienregionen gedeckt. Man glaubt, durch diese Massnahme eine landesweit bessere Prämienvergleichbarkeit zu erreichen. Wobei wiederum die Frage bleibt, wie individuell und differenziert dies die Versicherer ihren obligatorisch Versicherten kommunizieren werden und ob sie bei dieser Gelegenheit endlich auch auf mehr Transparenz in ihrer Prämiengestaltung achten wollen. Da wird sich nun wohl - hoffentlich! - die eine Kasse von der anderen zu unterscheiden wissen. Es wäre zu wünschen, dass persönliche Kundeninformationen und leicht verständliche Prämienabrechnungen mit eindeutigen Angaben über die bevorstehenden Veränderungen im Sinne von «was war bisher – wie wird es nachher» zur selbstverständlichen Regel werden.

Die ganze Übung der Rabattkürzung bei höheren Franchisen und der Neueinteilung der Prämienregionen soll bekanntlich kostenneutral - beziehungsweise «prämienneutral» - erfolgen. Auch da sind Zweifel angebracht. Denn das Bundesamt für Sozialversicherung hat keine Kenntnis des Versichertenbestandes auf Gemeindeebene, sodass auf diesem Gebiet das Streben nach Prämienneutralität wohl zu einem Blindflug ins Blaue werden wird.

Tarif- und Rechnungstransparenz

Abgesehen von letzten Geplänkeln um die Tarmed-Taxpunktwerte in den Spitälern ist die Ärzteseite auf die neue Tarifepoche gut und gründlich vorbereitet und hat alle Verträge für Rechnungstransparenz und Kostenneutralität unterzeichnet. Den Kunden, also den Patienten, werden die Honorarrechnungen ab kommendem Jahr einen klaren Einblick in die erbrachten Leistungen ermöglichen. Das neue Tarifwerk schafft Transparenz in allen Kantonen und Fachbereichen. Allerdings werden auch in einem hochdifferenzierten System Fehler passieren, doch wird man sie korrigieren können und allenfalls Fakturen noch einmal erstellen. Die neue Arztrechnung wird jedoch nicht mehr ein Buch mit sieben Siegeln sein, sondern sich verständlich präsentieren - sowohl für die Patientinnen und Patienten als auch für die Krankenkassen. Man wird der Ärzteschaft nicht mehr vorwerfen können, mit der Transparenz zu mauscheln. Auch der Tarmed-Start im UVG-Sektor hat dies bestätigt und ist erstaunlich gut bewältigt worden.

TrustCenter und Taxpunktwert

In praktisch allen Regionen unseres Landes sind inzwischen ärzteeigene TrustCenter aufgebaut worden, die in den kommenden Wochen operativ werden. Sie werten die Leistungsdaten der Ärzte aus und retournieren sie ihnen als «Daten mit Lerneffekt». Damit ist ein neues Verfahren der «Selbsterziehung» für wirtschaftlich geführte Arztpraxen eingeleitet worden. Zudem helfen die TrustCenter, die geforderte Kostenneutralität umzusetzen, um gegenüber Assekuranz, Politik und Versicherten glaubhaft zu bleiben. Die Standesorganisationen werden die eindrücklichen Leistungen im ambulanten Teil des Gesundheitswesens bald einmal auswerten und an den richtigen Stellen kommunizieren können. Und weil die Ärzteschaft damit endlich auf eigene, exakte und aktuelle Zahlen bauen und vertrauen kann, wird sie den Taxpunktwert sehr wohl zu verteidigen wissen - gemeinsam mit den TrustCentern.

Gemeinsamkeit mit Perspektiven

Ich wünsche den Krankenkassen, dass sie es schaffen, die Einladung zur Transparenz gegenüber ihren Kundinnen und Kunden bald einmal wahrzunehmen. Dann nämlich wird die Zeit gekommen sein, in der all die kleineren und grösseren Querelen zwischen Ärzteschaft und Versicherern, die auf mangelnde Offenheit zurückzuführen sind, überwunden werden. Kommt dazu, dass die neue Transparenz im Gesundheitswesen auch die Versicherten motivieren wird, mitzudenken und das System mit ihrem Vertrauen mitzutragen.

Für die Zukunft gibt es viele Projekte, die gemeinsam entwickelt und realisiert werden könnten - realisiert werden sollten. So ist zum Beispiel in regionalen Ärztenetzwerken das Bedürfnis nach neuen Versicherungsprodukten entstanden, mit denen die Versicherten vom gedankenlosen Leistungskonsum weggeführt und zur bewussten Selbstverantwortung hingeführt werden. Ob uns - den Krankenkassen und der Ärzteschaft - die Politik bei der Verwirklichung solcher Vorhaben behilflich sein wird? Das wären doch - zur Abwechslung - für einmal erfreuliche Perspektiven!


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checkup 23/2003

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