Hausärzte spannen ihr Netz

Managed Care

Managed Care ist die Zukunft der Hausarztmedizin und für die Allgemeinpraktiker von enormer Wichtigkeit. Die Bedeutung dieser Netzwerke zwischen Grundversorgern, Versicherern und Patienten wächst stetig. Bereits sind je nach Leseart 8 bis 16 Prozent der Schweizer Bevölkerung in Managed Care-Modellen versichert.

Hausärzten pfeift ein rauer Wind um die Ohren: viel Arbeit, unterdurchschnittliche Einkünfte, immer mehr Büroaufwand, immer weniger Zeit für die Patienten, behördlich verordneter Praxisstopp. Um im harten Wettbewerb mit wachsendem Kostendruck zu bestehen, sind neue Ideen und Instrumente gefragt. Als solche kristallisieren sich mit wachsendem Zuspruch Ärztenetzwerke und Hausarztsysteme heraus, geläufig unter dem Begriff Managed Care. Was Mitte der neunziger Jahre in der Schweiz sachte und lange belächelt begann, hat sich mittlerweile zur ernstzunehmenden und praxiserprobten Zukunftsperspektive gemausert.

Hauptziele dieser mittlerweile rund 60 Netzwerke sind niedrige Behandlungskosten und höhere Effizienz durch Vermeidung von Doppelspurigkeiten. Mit der Beteiligung an einem Netzwerk kann der Hausarzt zudem in Qualitätszirkeln von anderen Kolleginnen und Kollegen lernen. Der Aufwand für Literaturrecherchen, Guideslines, Patientenunterlagen sowie die Entwicklung neuer Zusammenarbeits- und Betreuungsformen lässt sich teilen, der Aufwand für die Verhandlungen mit Versicherern und die Kontrolle der Vereinbarungen delegieren. Und bei überregionaler oder nationaler Vernetzung winkt erst noch eine stärkere Markt- und damit auch Verhandlungsposition.

Zahlreiche Modelle

Es gibt zahlreiche Ausprägungen von Managed Care-Modellen in der Schweiz. Am häufigsten sind Hausarztvereine ohne oder mit bescheidener ökonomischer Mitverantwortung sowie Ärztenetzwerke, oft Aktiengesellschaften, mit höher verbindlicher ökonomischer Mitverantwortung. Allen gemeinsam ist die Gatekeeping-Rolle des Hausarztes. Der Allgemeinpraktiker ist also in jedem dieser Modelle zwingend die erste Anlaufstelle für den Patienten, der diese Versicherungsform wählt. Für diese Einschränkung der Wahlfreiheit erhalten die Patienten einen Prämienrabatt.

Managed Care-Modelle werden immer über Kollektive umgesetzt, die über das Dreiecksverhältnis Arzt-Versicherter-Versicherer funktionieren. Die Organisation in einem Verein, einer GmbH oder einer AG garantiert, dass die einzelnen Hausarzt-Mitglieder nicht mit ihrem Privatvermögen für Verluste haften. Die Versicherer übernehmen in Ärztenetzwerken mit ökonomischer Mitverantwortung meist 60 bis 70 Prozent des Risikos, das Netzwerk 30 bis 40 Prozent. Es können weitere Sicherungsmassnahmen wie Rückstellungen, Rückversicherungen oder Grossrisikoabfederungen ausgehandelt werden. Und ein Netzwerk ermöglicht die gezielte Datenerhebung.

Beträchtliches Sparpotenzial

Laut Erkenntnissen von med-swiss.net, dem Dachverband der Schweizer Ärztenetzwerke, weisen Netzwerke mit möglichst hoher ökonomischer Mitverantwortung regelmässig Gewinn aus. Dieser erlaubt die Reduktion der Prämien sowie eine Entschädigung der Personen bzw. Organisationen, die in der Netzwerkarbeit und -entwicklung tätig sind. Der Dachverband vereinigt derzeit 38 Hausarztvereine und Netzwerke mit 1500 Ärzten, die rund eine Viertel Million Versicherte betreuen.

Das Sparpotenzial ist beträchtlich. Managed Care-Systeme in grossen Netzwerken mit Budgetverantwortung können den Aufwand für ihre Leistungen bis zu 30 Prozent verringern. Immerhin 5 bis 20 Prozent sind es in Hausarztmodellen im Vergleich zur traditionellen, autonomen Praxis.

Entscheidend für den Erfolg des Netzwerkes ist laut Jörg Fritschi, Allgemeinmediziner mit Praxis in Obernau und Aktuar beim Dachverband med-swiss.net, die Überzeugung der einzelnen Mitglieder. „Ein erfolgreiches Netzwerk lässt ein Wir-Gefühl entstehen, das zur Zusammenarbeit motiviert.“ Es ermöglicht eine strukturierte Zusammenarbeit des Hausarztes mit Spezialisten, Spitälern und weiteren Leistungserbringern wie Spitex oder Physiotherapeuten.

Kostentransparenz

Die Integration in ein Netzwerk verschaffe dem Hausarzt endlich auch einen Überblick über den gesamten Behandlungspfad eines Patienten, nennt der Allgemeinmediziner Joachim Henggeler aus Oberägeri einen weiteren Pluspunkt dieser Alternativmodelle. „Damit wir endlich auch einmal ganz klar wissen, was eine Behandlung kostet, die wir in der Hausarztpraxis nicht abschliessend machen können.“

Als Netzwerk-Arzt betreut der Hausarzt den Patienten umfassend, kennt seine Krankheitsgeschichte und kann so die richtigen Behandlungen oder die nötigen weiteren Untersuchungen anordnen. Das gute Patientenmanagement vermeidet unnötige Leistungen, was wiederum die Kosten senkt.

Die Einsparungen können tatsächlich beachtlich sein, wie eine repräsentative Erhebung der Argomed Ärzte AG im Kanton Aargau für die Jahre 2003 – 2005 ergab: demnach lagen die Kosten pro Versicherten pro Jahr um 10 bis 24 Prozent tiefer. Die Kostendifferenz pro Versicherten und Jahr lag zwischen 310 und 630 Franken. Im Kanton Aargau haben sich schon über 100'000 Personen für Managed Care entschieden. Wobei die Gruppe der 61- bis 65-jährigen Netz-Versicherten in letzter Zeit am stärksten wuchs. Was der landläufigen Meinung widerspricht, in der Managed Care tummelten sich vor allem die guten Risiken, so dass die Kostenersparnis gering, ein Engagement für die Versicherer nicht mehr interessant sei. Auch nach der Korrektur des Selektionseffektes lasse sich nachweisen, dass Managed Care-Modelle günstiger arbeiteten. Das Entwicklungspotenzial der Alternativmodelle sei somit gross. In diesem Rahmen und angesichts der heutigen Spezialisierungsmedizin wird die Rolle des Hausarztes als integrierender Berater immer wichtiger.

Zukunftsperspektiven

Zwar lässt sich Joachim Henggeler bezüglich Zukunftsaussichten der Ärztenetzwerke nicht auf die Äste hinaus. Er denkt aber, dass vor allem Gruppenpraxen längerfristig Bestand haben könnten, auch ganze Ärztehäuser, in denen verschiedene Spezialitäten unter einem Dach angeboten werden können. In seinem Wohnkanton Zug wurde im April 2007 der Hausarztverein zu:care gegründet, welcher der Argomed angeschlossen ist. Schon 35 Allgemeinpraktiker haben sich mittlerweile zu:care angeschlossen.

Unterstützung beim Aufbau von Ärztenetzwerken

Hilfestellung für die Organisation im Gesundheitswesen bietet seit zehn Jahren BlueCare. Das Unternehmen, welches von der Ärztekasse und einigen Managing-Partnern gegründet wurde, fördert Ärztenetzwerk-Modelle als Pionierin in diesem Bereich seit 1997. BlueCare stellt namentlich die Software zur Verfügung und unterstützt den strukturellen Aufbau von Ärztenetzwerken wie auch die Entwicklung neuer Bausteine für die nächste Generation von Managed Care-Modellen.

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ars medici 9/2007

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