Protokoll einer Erfahrung

Arztpraxis

Joachim Henggeler, Dr. med.
Verwaltungsratspräsident der Ärztekasse

Wird alles besser? Wird alles schlechter? Oder wird es einfach anders? Und wie steht es mit dem Gewinn und dem Verlust, den die Veränderung mit sich bringt?

Seit dem Lateinunterricht wissen wir, dass sich nicht nur die Zeiten ändern («Tempora mutantur»), sondern auch wir uns mit den Zeiten («nos et mutamur in illis»). Und das gilt auf besondere Weise auch für unsere Tätigkeit und für unser Selbstverständnis. Und nicht zuletzt für die Beziehung zwischen Arzt und Patient.

Die Gretchenfrage

Zunächst sind wir natürlich damit zufrieden, dass sich die Zeiten geändert haben. Wer möchte schon seine Hausbesuche per Pferdefuhrwerk erledigen müssen? Zuweilen taucht aber dann doch die Gretchenfrage auf, ob mit den Veränderungen nicht auch Verluste verbunden sind. Das wurde mir kürzlich wieder einmal bewusst, als ich einen nächtlichen Notfalldienst in Gedanken zu protokollieren versuchte. Hier ein (unvollständiger) Auszug davon:

Das Tarifgeheimnis

Freitagabend, 19.30 Uhr, verlasse ich die Praxis, nachdem mir mein PC offenbart hat, dass ich soeben 786 Tarmed- Minuten als «Leistungserbringer» absolviert habe! Das wären also ungefähr 13 tarifwirksame Stunden. Von denen allerdings 105 Minuten nicht ausbezahlt werden, da ja die letzten 2,5 Minuten bei jedem Besuch und jeder Konsultation sozusagen gratis zu leisten sind. Also habe ich effektiv lediglich 11,35 Stunden gearbeitet?

Der Aufsteller

Wie dem auch sei, um 22.35 Uhr klingelt das Telefon: eine Frau hat Bauchschmerzen, ist auf dem Campingplatz und möchte gerne eine Konsultation. Die Untersuchung zeigt einen so harten Unterbauch, dass ich eine Blinddarmentzündung nicht ausschliessen kann. Also muss ich die Frau ins Spital weiterweisen. Sie bedankt sich sehr freundlich, wie auch ihr Ehemann, und entschuldigt sich für die Störung und auch dafür, dass ich aus dem Bett geholt wurde – ich sehe wohl ziemlich verschlafen aus. Immerhin: ein Aufsteller!

Die Verunsicherung

Kaum zu Hause, schon das nächste Telefon. Man fordert mich auf, in die Praxis zu kommen, da ein 68-jähriger Mann festgestellt habe, dass sein Blutdruck zu hoch sei und dass jetzt etwas geschehen müsse. Der Mann ist mir nicht bekannt, er ist Patient eines Kollegen, den ich während der Ferien vertrete. Bei mir angekommen – es ist inzwischen einiges nach 23.00 Uhr –, wundert sich der Mann, dass ich die Personalien selbst aufnehme und keine Assistentin anwesend ist. Als Notfallarzt hätte ich doch eigentlich rund um die Uhr präsent zu sein, inklusive MPA. Es scheint, dass man das von den Spitalambulatorien her so gewohnt ist. Wir unterhalten uns über seine gegenwärtige Medikation, über die Krankheiten, die er schon gehabt hat, und über den möglichen Grund seiner Verunsicherung. Er habe sich halt nicht ganz wohl gefühlt und sei zur Überzeugung gekommen, dass man das nicht anstehen lassen könne. Deshalb brauche er jetzt sofort noch eine Halsschlagader-Duplex-Sonographie, da es ja möglich wäre, dass ihn ein Hirnschlag treffen könnte.

Der Selbstbedienungsladen

Bei der Blutdruckmessung ergeben sich dann aber ganz normale Werte, so dass aus meiner Sicht kein Anlass zu akuten Massnahmen besteht. Ich versuche, mich mit ihm darauf zu einigen, dass er während einer Woche zu Hause zweimal täglich den Druck misst, die Resultate notiert und sich dann wieder bei mir meldet. Doch das scheint ganz und gar nicht seinem Gusto zu entsprechen. Schliesslich sei ich als Notfallarzt ja dafür bezahlt, etwas zu tun. Für die hohen Prämien habe er doch das Anrecht auf einen entsprechenden Gegenwert. Also sei ich demzufolge eigentlich verpflichtet, ihn jetzt umgehend und notfallmässig zu dieser Untersuchung einzuweisen. Da ich da anderer Auffassung bin, verlässt mich mein Kunde ohne weitere Worte und natürlich auch ohne ein «Dankeschön» – eine Szene, die mir vorkommt wie im Selbstbedienungsmarkt der Migros (nur dass dort laufend die Kassen klingeln).

Der Absturz

Später, es ist jetzt genau 02.35, ruft wieder ein Kunde an und berichtet, dass er auf der Heimfahrt von einem Fest mit seinem Velo «abgestürzt» sei und es jetzt «etwas komisch aus der Schulter herausschaue». Es tue ihm furchtbar leid, dass er mich hätte wecken müssen, aber er wäre sehr froh, wenn ich mir die Sache anschauen könnte. Ich treffe dann auf einen durch etwas Alkohol recht indolenten jungen Mann, der sein Gelenk zwischen Schulterblatt und Schlüsselbein total ausgerenkt hat. Leider kann ich auch ihn nicht selbst behandeln, doch ist er dennoch sehr dankbar und entschuldigt sich erneut – und zwar sowohl für die Störung als auch für die Alkoholfahne: Gesten der Höflichkeit, die man in diesen formlosen Zeiten besonders zu schätzen weiss!

Das Positive

Ich bin nun schon seit fast 30 Jahren in meinem Job tätig, und er gefällt mir immer noch sehr. Allerdings ist ein gewaltiger Wandel eingetreten – zum Positiven wie auch zum Gegenteil. Gottlob sind wir Ärzte nicht mehr die «Götter in Weiss»! Auch bin ich froh, dass ich nicht mehr an meinem Titel, sondern an meinen Taten gemessen werde. Zudem finde ich es gut, dass viele meiner Kundinnen und Kunden nicht mehr bereit sind, alle vorgeschlagenen Behandlungen stillschweigend zu akzeptieren. Wir haben heute mehrheitlich mündige Patientinnen und Patienten, die in die Therapieplanung einbezogen werden wollen und auch keine Hemmungen haben, eine Second Opinion zu verlangen. Schliesslich freue ich mich sogar darüber, wenn ein Kunde, dem ich etwas zu erklären versuche, mir seinerseits erklärt, dass er genau das Gleiche bereits im Internet erfahren habe ...

Die Konsummedizin

Weniger positiv sehe ich den Wandel der Beziehung zwischen Patient und Arzt, desen Rolle mit dem Unwort «Leistungserbringer» ja ziemlich treffend umschrieben wird. Je mehr Prämien ich bezahle, umso mehr kann ich mein Anrecht geltend machen, ärztliche Leistungen zu beziehen – à la carte und à discrétion. Gelegentlich entsteht daraus nicht nur eine Anspruchshaltung – der immer öfter auch mit dem besten Willen nicht entsprochen werden kann, wenn man bemüht ist, eine evidence based medicine anzubieten –, sondern auch eine Art von Arroganz dem Arzt und seinem Team gegenüber, die ich früher nie oder fast nie erlebt habe. Das ärztliche Handeln, dem wir uns ja nach bestem Wissen und Gewissen verpflichtet haben, wird dann mehr und mehr als blosse Serviceleistung definiert und entsprechend konsumiert. Wobei sich die Frage stellt, ob wir dieser Entwicklung wirklich machtlos ausgeliefert sind? Oder ob wir uns wehren könnten?



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