Die Tarmed-Zukunft selbst bestimmen!

Tarmed

Die wirtschaftliche Entwicklung der ärztlichen Praxen wird entscheidend vom Taxpunktwert abhängen. Und von dessen umsichtiger Steuerung durch die Ärztinnen und Ärzte.

Inzwischen haben alle Praxen ihre ersten Rechnungen nach KVG verschickt. Und dabei wohl die Erfahrung gemacht, dass Tarmed KVG nicht so reibungslos wie Tarmed UVG angelaufen ist. Die Software entdeckt hier so manchen Form- oder Fakturierungsfehler, der in der simplen UVG-Rechnung gar nie zutage trat. Nicht jede KVG-Rechnung wird deshalb so prompt versandbereit sein wie die UVG-Fakturen. Kommt dazu, dass im KVG alles vermehrt von Fachrichtung und Dignität abhängig ist. Und dass die Anzahl der anfallenden KVG-Rechnungen zehn- bis zwanzigmal grösser ist als jene im UVG-Bereich. So gesehen bilden die KVG-Fakturen die wirtschaftliche Grundlage der Schweizer Arztpraxis schlechthin.

Die neue Dimension
Doch aufgepasst: Es sind nicht nur die Einzelleistungen und deren Menge, die unsere ökonomische Zukunft bestimmen. Denn das Honorarvolumen dieses flächendeckenden Landestarifs ist abhängig vom Taxpunktwert. Um diesen, das heisst um dessen Start-Wert, wurde ja schliesslich mit den Krankenkassen in allen Kantonen hart verhandelt. Salz und Pfeffer des Tarmed sind also nicht mehr die eine oder andere kantonale Besonderheit in der Anwendung gewisser Positionen oder gar die obsolete Klaviatur der Mengenausweitung. Seit dem 1. Januar dieses Jahres leben wir mit einem Taxpunktwert, den wir selbst zu steuern haben. Wozu nicht nur Instrumente benötigt werden, sondern auch Umsicht. Denn steuern heisst vorausschauen – wöchentlich, monatlich und im Vergleich mit der Fachgruppe. Dieser neuen und entscheidenden Dimension scheint man sich allerdings noch nicht in allen Praxen bewusst zu sein.

Das alte Lied
Tarmed KVG hat aufgezeigt, dass nicht alle Kantone (wegen des Start-Taxpunktwerts) und schon gar nicht alle Fachgruppen ihre Erwartungen erfüllt finden. So wird denn da und dort einmal mehr das bekannte Lied von der guten alten Zeit mit Inbrunst angestimmt. Dennoch muss nun primär die «Pflege» des Taxpunktwerts zur kantonalen Pflicht werden. Und früher oder später wird wohl allen klar, dass uns die politisch festgelegte Kostenneutralität zur Solidarität in der Tarifanwendung zwingt. Und das gilt für die Ärzteschaft des ganzen Landes: für Junioren und Senioren, für Spezialisten und Generalisten, für Newcomer und alte Hasen, für Ärztinnen und Ärzte in Gruppenpraxen sowie für solche im Teilzeiteinsatz.

Verpflichtende Kostenneutralität
Dabei sollten auch jene, denen der neue Tarif mehr Verdruss als Vergnügen bereitet, nicht vergessen, dass wir die Kostenneutralität vertraglich akzeptiert haben und dass sie mathematisch und betriebswirtschaftlich überprüft wird. Ein Kantonalpräsident verglich die Anwendung des Tarmed KVG mit einem Jungfernflug. Das Ziel wäre also, nach einer Flugdauer von 18 Monaten eine Taxpunktwerterhöhung anzusteuern. Wobei wir den Kurs selber kontrollieren und korrigieren müssen. Und zwar nicht erst, wenn der Sturzflug begonnen hat!

Entscheidendes Zahlenfeedback
Viele Kantonalpräsidenten runzeln die Stirn. Sie haben zwar alles vorgekehrt, ihren Mitgliedern Hilfe anzubieten, um die Auswirkungen des neues Tarifs und seiner Tücken mit dem eingebauten Zeitimpuls kennen zu lernen. Die TrustCenter sind bereit, Zahlen-Feedbacks zu liefern, um damit das «Gefühl» für den Tarmed entwickeln zu helfen. Neu besteht nun für jede Praxis die Möglichkeit, Einblick in die eigenen Leistungsdaten zu nehmen, der bisher nur den Bezügern der praxiseigenen Ärztekassen-Statistiken möglich war. Nur scheinen leider noch längst nicht alle die Bedeutung dieses Feedbacks begriffen zu haben. Sie weigern sich, einem TrustCenter beizutreten, und möchten erst einmal abwarten. Andere arbeiten zwar mit einem TrustCenter zusammen, wollen aber mit dem alten Eifer des Einzelkämpfers ihre Abweichungen partout nicht zum Anlass für entsprechende Korrekturen nehmen. Schliesslich ging es doch jahrzehntelang auch ohne solche Operationen. Doch das sind definitiv Tempi passati. Denn wenn sich auch nur jeder zehnte Tarifanwender undiszipliniert verhalten sollte, kann dadurch der Tarifwert eines ganzen Kantons schwerwiegend beeinträchtigt werden.

Vertrauen und Verantwortung
Die Entwicklung der Lage wird laufend von der FMH und den Kantonalpräsidenten, aber auch von den Präsidenten der Fachgruppen beobachtet und beurteilt. Während die FMH für den Bereich der so genannten eidgenössischen Sozialversicherer UV/MV/IV zuständig ist, muss die G7 (Zusammenschluss der Kantonalgesellschaften) den schweren Brocken Tarmed-KVG verantworten.

Dass daneben immer häufiger auch selbst ernannte Tarmed-Spezialisten ihre Ansichten und Auslegungen absondern, leistet der Sache einen zweifelhaften Dienst. Wir brauchen keine Pseudoexperten, die mit ihren trickreichen Tipps die Anwendung des Tarifs im KVG zum Risiko machen und sich dann aus der Verantwortung stehlen. Vertrauen Sie deshalb nur den Ihnen bekannten, standeseigenen Beratungsstellen oder den Fachleuten der (ebenfalls standeseigenen) Ärztekasse. Sie alle verfolgen die Tarifentwicklung mit grösster Aufmerksamkeit und engagieren sich mit Ihnen zusammen dafür, dass die Kostenneutralität nicht gefährdet wird. Wobei man sich dessen bewusst sein muss, dass kumulierte Fehler nicht im Nachhinein durch die G7 oder die FMH entschuldigt werden können. Kurz: die Verantwortung für eine selbstbestimmte Tarmed-Zukunft liegt grundsätzlich in jeder wirtschaftlich geführten Arztpraxis!

Selbstkritische Selbstkontrolle
Viele Praxisteams sind wegen Übertarifierungen im Tarmed UVG von Versicherungsseite direkt informiert und damit wohl hellwach geworden. Sie haben den Sinn und Nutzen des Leistungsdaten-Transfers über die TrustCenter erkannt. Das selbstkritische Kontrollieren und Vergleichen der eigenen Daten mit jenen der Fachgruppe wird künftig jeder Praxis ermöglichen, Korrekturen vorzunehmen, sobald diese offensichtlich notwendig sind. Wo solche Selbsterkenntnis nicht stattfindet, ist Gefahr im Verzug. Denn die neuen Regeln gelten für alle, und das Versteckspiel Einzelner belastet die gesamte Ärzteschaft. Dabei sollte inzwischen eigentlich jeder begriffen haben, dass eine freiwillige Selbstkontrolle weitaus besser ist als eine aufgezwungene Fremdkontrolle.

Verhandeln und Verändern
Wir haben immer wieder von Unausgewogenheiten des Tarmed gehört und gelesen - von den Problemen des Radiologie-Tarifs einmal abgesehen. Jeder Dritte fühlt sich dabei irgendwie selbst betroffen. Was auch nicht überraschen kann. Denn es ist einfach nicht möglich, einen praktikablen Tarif zu konzipieren, der in allen Fällen und Bereichen absolute Gerechtigkeit garantiert. Ganz abgesehen davon, dass sich die Verhältnisse und Bedürfnisse laufend verändern, sodass ohnehin immer wieder entsprechende Anpassungen notwendig sind. Deshalb muss mit der Versicherungsseite so permanent wie professionell verhandelt werden. Was neben eigenem, einwandfreiem Datenmaterial vor allem auch Vertrauen voraussetzt, das wir entschlossen aufbauen müssen.

Konstruktive Kooperation
Es geht hier nicht nur um das Erreichen des gesteckten Etappenziels im Sommer 2005. Verhandlungen sichern auch den Fortbestand des Tarifwerks, insbesondere das Prinzip des Einzelleistungstarifs. Und während der über Jahre weiterlaufenden Datenvergleiche wird sich auf der Seite der sozialen Krankenversicherung auch das Verständnis dafür festigen, dass Qualität ihren Preis hat. Dies setzt jedoch nicht nur ein konstantes und offenes Gespräch zwischen der Ärzteschaft und den Versicherern voraus, sondern auch ein Gesprächsklima, das eine konstruktive und partnerschaftliche Kooperation zum Ziele hat.


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